Gedanken

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Gedanken zur „Interoperabilität”

Vorwort

Mit diesen Gedanken soll ein bewußteres Wahrnehmen von vorgebrachten Aussagen insbesondere zur “Interoperabilität” -aber auch zur “Föderation”- sowie eine sachlichere Argumentation erreicht werden.

Im Marketing und folglich auch bei Entscheidungen wird das Schlagwort “Interoperabilität” aktuell oft verwendet und hört sich super an. Aber:

  • Was steckt eigentlich dahinter?
  • Und verstehen alle dasselbe darunter?

Vorab: Nein, denn der Begriff “Interoperabilität” wird oft falsch verwendet, unterschiedlich interpretiert oder zumindest seeeeehr weit gedehnt.

Warum?

Entscheidungen

Aus Sicht der Entscheider ist es von Vorteil, wenn Entscheidungen schnell mit einem eindeutigen Ergebnis herbeigeführt und getroffen werden können. Da hilft es vordergründig sehr, Werbeaussagen und auch Entscheidungen anderer für sich einfach so und ohne Nachzufragen zu übernehmen. Denn „das muß ja bestimmt gut überlegt gewesen sein“ und „wenn die das machen, kann das für uns nicht falsch sein“.

Wie so oft, ist das leider nicht so einfach, denn jede Messengerlösung hat Vor- und Nachteile. Und zu den primären Vorteilen gehört nicht, daß sehr große Organisationseinheiten intern ein bestimmtes System einsetzen, das dort super funktioniert - das ist aber im Zusammenhang mit Interoperabilität nicht relevant.

Wichtig dagegen ist zu wissen, ob ein Messengersystem ausschließlich als internes Kommunikations- und Arbeitsmittel eingesetzt werden soll (für Außenstehende nicht erreichbar) oder als generelle und interoperable Kommunikationslösung wie z.B. Telefon und E-Mail auch. Also als Ergänzung der in der Regel öffentlichen Kontaktdaten, die auf Internetseiten oder Visitenkarten stehen:

  • Name: …
  • Postadresse: …
  • Telefon-Nr.: …
  • E-Mail-Adresse: …
  • Chatadresse: …

Um zukunftssichere Entscheidungen zu treffen, ist es deshalb beispielsweise auch bei Ausschreibungen wichtig, daß Interoperabilität (anbieterübergreifender Nachrichtenaustauch auf der Basis von Standards) mit im Pflichtenheft steht. Eine derzeit konkret angedachte, gesetzliche Verpflichtung zur Interoperabilität (s.u.) ist dann gar nicht erforderlich sondern führt zu einer unnötigen Überregulierung.


Benötigt man für tatsächliche Interoperabilität eine öffentliche Föderation oder einfach nur Schnittstellen, um internationale Standards einhalten zu können?

Dazu müssen die beiden Begriffe erst definiert werden:

Föderation

Unter Föderation versteht man die Zusammenarbeit verschiedener Diensteanbieter (Serverbetreiber) des selben Systems. Jedoch kann es Einschränkungen geben: Im Gegensatz zu einer öffentlichen Föderation gibt es oft nur eine interne Föderation, bei der organisationsintern mehrere Server zwar verbunden sind, aber die Nutzer nicht nach außen kommunizieren können.

Bei Föderation ist also immer wichtig zu hinterfragen, was gemeint und was möglich ist! Denn immer wieder wird auf Föderation (welche genau?) hingewiesen wird und dadurch angebliche Interoperabilität versprochen und fleißig damit geworben.

Aber Föderation ist nicht mit Interoperabilität gleichzusetzen und Föderation alleine bringt keine in der Politik geforderte Interoperabilität von Messengersystemen bzw. hilft auch nicht beim Erreichen dieses Ziels.

Interoperabilität

Im Gegensatz zur Föderation ist Interoperabilität die Fähigkeit, sich über standardisierte Schnittstellen und Protokolle (und unabhängig von Anbietern) austauschen zu können. Egal ob ein Dienst föderiert oder nicht, es müssen also standardisierte Schnittstellen/Protokolle festgelegt und genutzt werden, um interoperabel zu sein. Praxisbeispiele die man kennt sind E-Mail, Bluetooth, Telefonie, WWW, Papierformate, USB, HDMI, verschiedene DIN usw.

Auch das Bundeskartellamt (s.u.) versteht unter Interoperabilität im Zusammenhang mit Chat “die Fähigkeit unabhängiger, heterogener Messaging-Systeme oder Messenger-Clients, in verschieden hohem Maße zusammenarbeiten zu können.”

Gerade im Messengermarkt ist und wird Interoperabilität (die Zusammenarbeit unterschiedlicher Anbieter) immer wichtiger. Was man von anderen Kommunikationsformen wie Telefon und E-Mail dank öffentlicher Föderation auf der Basis von internationalen Standards kennt und als selbstverständlich voraussetzt, gibt es für „Chat“ noch nicht. Viele haben sich an unterschiedliche und untereinander inkompatible Chatsysteme/Messenger gewöhnt.

Idealerweise hat ein Kommunikationssystem jedoch (egal ob Telefon, E-Mail oder Chat) öffentliche Schnittstellen und nutzt hierfür Standards, so daß Bürger, Kunden, Lieferanten, Mitarbeiter usw. anbieterunabhängig miteinander kommunizieren können.

Internationaler Standard?

Für die Standardisierung im Internet ist die IETF (extern; Internet Engineering Task Force) zuständig und international anerkannt. Hier werden viele Standardprotokolle wie beispielsweise SMTP für E-Mail erarbeitet und durch Fortentwicklungen auf dem aktuellen Stand gehalten.

Standardprotokolle sind quasi die öffentlich vereinbarten und anerkannten Regeln zur Kommunikation.

So gibt es auch für Chat einen Standard (XMPP), der flexibel erweitert werden kann. Auf diesem aufbauend können sogar Spezialanforderungen für einzelne Bereiche (Sicherheitsstufen, Spezialverschlüsselung, abgeschottete Bereiche, Sonderfunktionen) bedarfsgerecht implementiert werden, ohne daß die grundsätzliche, föderale Funktion und der freie Informationsfluß dadurch gestört wird.

Genauso … (ja Wiederholung) … wie das auch bei anderen Kommunikationsformen (Post, Telefon, E-Mail, oder Mobilfunk) ist.

Zukunftssicherheit durch Standards

Ein Negativbeispiel dafür, wie Standards mißbraucht werden können, ist WhatsApp, die das Protokoll für ihre Zwecke verwendet, für sich abgändert und sich abgeschottet haben. Das hat in diesem Fall zu enormen Abhängigkeiten geführt statt Zukunftssicherheit zu haben. Kleine Hintergrundinformation dazu:

In einem Posting (extern) von einem der beiden WhatsApp-Gründer wurde beispielsweise gefragt, wie man die Serversoftware „ejabberd“ für WhatsApp ‘hinbiegen’ kann. Das zeigt natürlich nicht, inwiefern WhatsApp noch heute darauf (bzw. dem ursprünglichen Servercode) basiert, aber interessant ist dieses Hintergrundwissen trotzdem. Darüber hinaus sind zumindest auch der Facebook Messenger, Google Talk und der KIK-Messenger auf Basis des Standards XMPP entstanden.

Aber nur durch die Nutzung öffentlicher, internationaler Standards lassen sich auch bei „Chat“ Mehrfachinvestitionen von Steuergeldern in unterschiedliche Systeme vermeiden und wie in allen Bereichen (Baubranche, Entwicklung, Verwaltung, Finanzwesen, …) gilt:

Anerkannte Standards sind der Garant für Innovation und Zukunftssicherheit!

Jeder investierte Euro in Lösungen, die Standards unterstützen und einhalten, kommt quasi der Öffentlichkeit zu Gute, denn genauso, wie E-Mail oder Telefon keiner einzelnen Firma gehören, ist das auch bei „Chat“ - es ist (standardisiertes) Allgemeingut. Es ist erprobt und erfolgreich im Einsatz. Oft auch im Hintergrund wie kleine Beispiele aus dem Bildungsbereich zeigen:

Bei der Lernplattform “Moodle” (extern) ist es möglich, auch per standardisierter Chat-Schnittstelle System-Mitteilungen (extern) an die Nutzer zu versenden. Sehr lobenswert. Auch die E-Mail-Konten für 22.000 Lehrkräfte in Thüringen sind nicht nur reine E-Mail-Adressen, sondern gleichzeitig auch Chatadressen (nur weiß das kaum eine Lehrkraft).

Eine öffentliche Interoperabilität durch das Einhalten von Standards ist gerade für die Frage des Einsatzes von Chatsystemen bei öffentlichen Einrichtungen und in der Bürgerkommunikation jedoch ein wesentlicher Punkt. Schließlich geht es nicht nur um Unabhängigkeit, sondern schlicht auch um die sinnvolle Verwendung von Steuergeldern.

Brücken

Beim Einsatz von Brücken zu standardisiertem Chat ist es sogar möglich, mit anderen Systemen zu kommunizieren. Aber das geht in diesem Fall nur bedingt, denn Brücken sind quasi nur eingeschränkte Schnittstellen, die ein Protokoll nur teilweise abdecken.

Grundlegende Funktionen wie zum Beispiel der ganz normale Nachrichtenversand funktioniert in der Regel einigermaßen gut. Für tiefergehende Funktionen wie beispielsweise die zuverlässige Zurverfügungstellung des Onlinestatus’ müssen jedoch mehr Details des Standards integriert werden.

Kompliziert und fast schon visionär wird es dann, wenn ganze Chatgruppen oder öffentliche Chaträume über verschiedene proprietäre und nicht standardkonforme Systeme hinweg und dann ggfs. auch noch verschlüsselt funktionieren sollen.

Deshalb sind manche Brücken eher Krücken.

Werbeversprechen

Ein Beispiel für gewagte und fast schon unlautere Werbevesprechen zur „Interoperabilität“ ist das Marketing des TI-Messengers vom deutschen Gesundheitswesen:


“TI-Messenger - Der neue Standard für sicheres, interoperables Instant Messaging im deutschen Gesundheitswesen“ “… Interoperabilität - und somit den sektoren- und anbieterübergreifenden Austausch …“ Quelle: https://fachportal.gematik.de/anwendungen/ti-messenger (extern)

Super - Interoperabilität! Aber was verseht die Firma tatsächlich darunter? Das steht weit hinten im Konzeptpapier: “6.3 TI-Messenger-Föderation Die TI-Messenger-Anwendung unterstützt die Föderationsmechanismen des Matrix-Protokolls um Homeserver und Domains verschiedener TI-Messenger Anbieter nutzen zu können. Die Föderation ist jedoch auf Homeserver der TI-Messenger Anbieter beschränkt. Homeserver anderer Matrix Messenger Anbieter sind ausgeschlossen.“ Quelle: https://fachportal.gematik.de/fileadmin/Fachportal/Anwendungen/TI-Messenger/gemKPT_TI_Messenger_V1.0.0.pdf (extern)


“Homeserver anderer Matrix Messenger Anbieter sind ausgeschlossen.“ bedeutet: Keine öffentliche Föderation und keine offene Interoperabilität in der Praxis. Also etwas ganz anderes als das, was auf der Startseite groß angepriesen wird.

Interoperabilität ist so nicht möglich und wird dadurch auch nicht verbessert. Vorsicht also, wenn Interoperabilität versprochen wird!

Oft sind große Installationen von Messengerlösungen für eine rein interne Kommunikation gedacht und so konfiguriert, daß keine öffentliche Föderation erlaubt ist. Ganz zu schweigen von einer echten Interoperabilität, denn theoretisch mögliche Schnittstellen zum Standardprotokoll werden in der Praxis oft nicht aktiviert.

Sektoruntersuchung des Bundeskartellamts

Interoperabilität bei Messengern betrifft jeden und wird auch auf Bundesebene Thema. 2021 hat das Bundeskartellamt eine Sektoruntersuchung hierzu durchgeführt. Der Fragebogen selbst ist öffentlich einsehbar und manche Fragen sind insbesondere in Bezug auf Standards sehr interessant: Quelle: Fragebogen Bundeskartellamt (extern) Im November wurde der Zwischenbericht (extern) zur Erhebung veröffentlicht und die Ergebnisse/Empfehlungen werden mit Spannung erwartet.

Jedoch sind Befürchtungen oder gar Ängste, Interoperabilität auf der Basis von Standards würde den Datenschutz oder die Privatsphäre gefährden/aushöhlen, unbegründet!

Denn die Verwendung von gemeinsamen Regeln für die Kommunikation (=Interoperabilität) bedeutet nicht, daß die Daten auch allen zugänglich sind. Kein Anbieter hat Zugriff auf den Datenbestand und den Nachrichtenverlauf von anderen Anbietern. Solche Gerüchte sind das Ergebnis von Halbwahrheiten oder Falschmeldungen und können nur durch sachliche Informationen aufgeklärt werden.

Überlegung zur gesetzlichen Verpflichtung

Die einfachste, schnellste und kostengünstigste Art, am Markt eine Interoperabilität bei Messengern zu erreichen ist es , selbst Produkte einzusetzen, die internationale Standards einhalten und z.B. bei Ausschreibungen das ebenfalls zu berücksichtigen und zu fordern.

Trotzdem gibt es auf Bundes- und auch auf europäischer Ebene Bestrebungen, vor allem die großen und bisher geschlossenen Anbieter zu einer gewissen Interoperabilität zu zwingen.

Falls also der internationale Standard mit dem Protokoll „XMPP“ in absehbarer Zeit nicht vermehrt erfüllt/eingehalten wird, droht eine gesetzliche Verpflichtung zur Interoperabilität - wie auch immer diese ausgestaltet sein mag. Auf alle Fälle wäre das dann mit einem entsprechend hohen bürokratischen Aufwand verbunden und eine eigentlich unnötige Überregulierung.

Zusammenfassung / Fazit

Interoperabilität ist die Fähigkeit, sich unabhängig von Anbietern über standardisierte Schnittstellen und Protokolle austauschen zu können.

Interoperabilität ist dann vorhanden, wenn z.B. bei Kontaktdaten auf Internetseiten oder auf Visitenkarten neben der Postadresse, der Telefonnummer und E-Mail-Adresse auch noch die Chatadresse steht.

Man sollte sich bewußt sein:

  • „Föderation“ bedeutet nicht automatisch „öffentliche Föderation!“
  • Föderation ist NICHT mit Interoperabilität gleichzusetzen!
  • Wenn “Interoperabilität” versprochen wird, muß hinterfragt werden, was darunter verstanden wird!
  • Interoperabilität muß öffentlich sein!
Anerkannte Standards sind der Garant für Innovation und Zukunftssicherheit und nur durch das Einhalten von internationalen Standards wird tatsächliche Interoperabilität ermöglicht.

Noch wird bei Messengern zu viel auf Lobbyisten und vermeintliche Spezialisten der Softwarehersteller gehört - digitale Souveränität, Nachhaltigkeit und Freiheit sollten jedoch auch beim Chatten Einzug halten. Man muß kein Experte sein!

Künftig sollte es nicht mehr heißen “Ich schicke dir das per WhatsApp/Threema/Signal/…” sondern wie bei E-Mail ganz normal “Ich schicke dir das per Chat”.


Ergänzende Informationen:

Datum: 29.12.2021
Rechte: CC BY-SA
Autoren: Diverse (Initiative Freie Messenger)



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