Gedanken

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Vorwort

Mit diesen Gedanken soll ein bewußteres Wahrnehmen von vorgebrachten Aussagen insbesondere zur „Interoperabilität“ -aber auch zur „Föderation“- sowie eine sachlichere Argumentation erreicht werden.

Interoperabilitätsverpflichtung

Es gibt verschiedene Gründe warum man eine gesetzliche Verpflichtung zur Interoperabilität zwischen Messengediensten befürworten oder auch ablehnen kann.

Selbstverständlich haben die marktbeherrschenden Unternehmen wie Facebook oder auch andere große bekannte Messengeranbieter kein Interesse ihre geschlossenen Systeme in irgendeiner Art zu öffnen. Aber auch auf der Seite der offenen Systeme ist das Thema Interoperabilitätsverpflichtung umstritten!

Die Monopolkommision formuliert hierzu im 12. Sektorgutachten „Telekommunikation 2021: Wettbewerb im Umbruch“ (extern; PDF):

Interoperabilitätsverpflichtungen, die eine diensteübergreifende Kommunikation ermöglichen würden, sind für nummernunabhängige interpersonelle Telekommunikationsdienste wie z. B. WhatsApp, Signal, Threema und Wire aktuell abzulehnen, da sie derzeit mehr Nachteile als Vorteile für den Wettbewerb verursachen würden. … Eine asymmetrische Interoperabilitätsverpflichtung bei nummernunabhängigen interpersonellen Telekommunikationsdiensten sollte sich, wenn sie doch erforderlich würde, auf zu definierende Basisfunktionen beschränken, sodass der Wettbewerb über innovative Zusatzfunktionen möglich bleibt.

Ich kann mich diesbezüglich nur anschließen und der Aussage „Interoperabilität ja aber keine Interoperabilitätsverpflichtung“ zustimmen, denn eine zwanghafte „individuelle Öffnung per DMA“ ist nicht mit „allgemeiner Interoperabilität“ gleichzusetzen. Aber was hält die Politik davon ab, vorhandene Standards zu nutzen?

Vorbildfunktion

Die Politik/Verwaltung hat eine öffentliche Vorbildfunktion - aber gerade wenn es um Interoperabilität bei Messengern geht, fehlt diese. Statt Flagge zu zeigen wird mit zwei Zungen gesprochen und es herrscht eine bequeme Doppelmoral:

Janusköpfig wird auf der einen Seite Interoperabilität gefordert aber auf der anderen Seite wird die selbe Interoperabilität bei eigenen Projekten abgelehnt oder sogar bewußt von vornherein ausgeschlossen. Das Tolle: Beides mit der selben, vorgeschobenen Begründung “mehr/besserer Datenschutz”. Eine Beispielantwort dazu bezüglich einer Ausschreibung auf Länderebene:

… , was von uns aus datenschutzrechtlichen Gründen ausdrücklich nicht gewünscht ist.

Die Politik macht es sich einfach: Es werden selbst keine Systeme genutzt, die Standards einhalten, sondern viele verschiedene und untereinander nicht kompatible Systeme. Auch bei Ausschreibungen wird der Punkt “Schnittstelle nach außen” aus (unbegründeter) Angst vor “dem” Datenschutz oft überhaupt nicht berücksichtigt oder sogar bewußt ausgeschlossen. Gleichzeitig wird aber mit den konkreten Überlegungen zur Interoperabilitätsverpflichtung auf EU-Ebene von den Dienstebetreibern gefordert, das Problem (für die Politik) zu lösen.

Passender Querverweis: Gedanken zu „Alternativen zu WhatsApp“

Egal welche Behörde, welches Amt oder welche Einrichtung:
Niemand konnte mir bisher beantworten, welche datenschutzrechtlichen Punkte in der Praxis denn konkret gegen Interoperabilität sprechen würden! Deshalb muß der Finger auf diese Wunde gelegt und hier angesetzt werden. Denn alle nutzen Briefpost, E-Mail, Telefon und Mobilfunk - und alle Beteiligte setzen hier Interoperabilität als gegeben voraus! Es mangelt vermutlich also einfach an Wissen oder es liegen Fehlinformationen vor, die in der Folge ein falsches Bild ergeben.

Aber auch Funktionsträger sind letztendlich nur Menschen, die nicht über ihren eigenen Schatten springen können (wollen). Auch ihnen ist die Bequemlichkeit von WhatsApp mit dem automatischen Hochladen des Adressbuchs wichtiger als vieles andere. Deshalb wird konsequent von anderen gefordert, sich zu ändern und man bastelt am Digital Markets Act (DMA)

Entscheidungen

Unzählige Unternehmen kaufen sich Messengerdienstleistungen ein und auch im öffentlichen Bereich sitzen Steuergelder hierfür locker/werden ausgegeben. Der Messengermarkt ist also milliardenschwer, es kann viel Geld verdient werden und deshalb ist er hart umkämpft. Im Marketing (und folglich auch bei Entscheidungen) wird also das Schlagwort „Interoperabilität“ oft verwendet und das hört sich auch super an. Aber was steckt eigentlich hinter den Marketingsprüchen?

Und verstehen alle dasselbe unter dem Begriff „Interoperabilität“? Denn dieser wird oft falsch verwendet, unterschiedlich interpretiert oder zumindest seeeeehr weit gedehnt.

Warum?

Aus Sicht der Entscheider ist es von Vorteil, wenn Entscheidungen schnell mit einem eindeutigen Ergebnis herbeigeführt und getroffen werden können. Da hilft es vordergründig sehr, Werbeaussagen und auch Entscheidungen anderer für sich einfach so und ohne Nachzufragen zu übernehmen. Denn „das muß ja bestimmt gut überlegt gewesen sein“ und „wenn die das machen, kann das für uns nicht falsch sein“.

Wie so oft, ist das leider nicht so einfach, denn jede Messengerlösung hat Vor- und Nachteile. Und zu den primären Vorteilen gehört nicht, daß sehr große Organisationseinheiten intern ein bestimmtes System einsetzen, das dort super funktioniert - das ist aber im Zusammenhang mit Interoperabilität nicht relevant.

Wichtig dagegen ist zu wissen, ob ein Messengersystem ausschließlich als internes Kommunikations- und Arbeitsmittel eingesetzt werden soll (für Außenstehende nicht erreichbar) oder als generelle und interoperable Kommunikationslösung wie z.B. Telefon und E-Mail auch. Also als Ergänzung der in der Regel öffentlichen Kontaktdaten, die auf Internetseiten oder Visitenkarten stehen:

  • Name: …
  • Postadresse: …
  • Telefon-Nr.: …
  • E-Mail-Adresse: …
  • Chatadresse: …

Um zukunftssichere Entscheidungen zu treffen, ist es deshalb beispielsweise auch bei Ausschreibungen wichtig, daß Interoperabilität (anbieterübergreifender Nachrichtenaustauch auf der Basis von Standards) mit im Pflichtenheft steht. Eine derzeit konkret angedachte, gesetzliche Verpflichtung zur Interoperabilität (s.o.) wäre dann gar nicht erforderlich.

Ängste/Befürchtungen

In der öffentlichen Diskussion hat man den Eindruck, daß durch vorgeschobene Argumente versucht wird, eine praktikable Interoperabilität bewußt verhindern zu wollen. Aber es geht um einen riesigen Markt mit enormen Gewinnchancen - insofern ist das auch verständlich.

Auf der einen Seite wird eine Interoperabilität von Messengern immer wieder kritisch gesehen oder sogar abgelehnt, da negative Auswirkungen befürchtet werden. Auf der anderen Seite (wie oben schon beschrieben) möchte die Politik eine Interoperabilität die gut für die Verbraucher sei verpflichtend (aber nicht konsequent) einführen.

Näher betrachtet sind die Befürchtungen und Ängste jedoch alle substanzlos und entstehen nur dann, wenn nicht das Selbe unter Interoperabilität verstanden wird. Eine Definition und Beschreibung von „Interoperabilität“ ist deshalb sehr wichtig und schützt vor solchen Mißverständnissen.

Unbegründete Ängste im Zusammenhang mit der Nutzung von internationalen Protokollen (nicht bezüglich APIs) lassen sich so schnell ausräumen, denn anerkannte Standards sind Innovationsgrundlage, bieten Funktionsvielfalt, besseren Datenschutz und Privatsphäre und können bei sinnvoller Nutzung im privaten Bereich ohne lästige Müllnachrichten genutzt werden:

Industrie/Wirtschaft/Politik

In diesen Bereichen wird von manchen (teils sogar von Messengeranbietern) befürchtet, daß …

  • durch Standards die Innovationskraft von einzelnen Marktteilnehmern (Messengeranbietern) gehemmt oder sogar ausgehebelt würde.

Das läßt sich jedoch schnell und eindeutig widerlegen, denn durch internationale Standards werden Neu- oder Weiterentwicklungen nicht verzögert oder gar verhindert, sondern überhaupt erst ermöglicht und gefördert. Das ist in allen Bereichen und nicht nur der Informationstechnologie so und unbestritten. Nur deshalb gibt es Standards. Unabhängig von definierten Standards kann jede Entwicklungsfirma aufbauend auf Standards (oder auch unabhängig davon) eigene Funktionen oder sogar Speziallösungen entwickeln.

WhatsApp z.B. basiert auf dem Protokoll und internationalen Standard „XMPP“ - trotzdem sind Weiterentwicklungen (z.B. Verschlüsselung MLS) oder Mehrgerätefunktionalität (Nachrichtensynchronisation), Telefonnummernunabhängigkeit, mehrere Chatkonten, Verfügbarkeit auf Mobilgeräten usw. Merkmale der meisten modernen Messenger.

Privatbereich

Privatnutzer haben dagegen ganz andere Ängste und Befürchtungen:

  1. Verlustangst von bisher lieb gewonnenen und praktischen Funktionen bei Nutzern, die sich deswegen evtl. speziell bei Messengersystem XY angemeldet haben.
    Durch eine Interoperabilität auf der Basis von internationalen Standards ist mit keinerlei Reduzierung in der Funktionsvielfalt zu rechnen. Jeder Anbieter kann auf Basis von Standards (HTTPS, IMAP, USB, HDMI, … und auch XMPP) individuelle Zusatzfunktionen für seinen Bereich (z.B. speziell für Firmenkunden) entwickeln und implementieren!
    Bisher bestehende Funktionen von geschlossenen Messengerlösungen können innerhalb dieses Systems weiterhin verwendet werden. Durch eine mögliche und nicht zwingende Interoperabilität ist das auch nicht gefährdet, denn letztendlich ist „Chat“ nichts anderes als „E-Mail mit Onlinefunktionalität“: Auch bei E-Mail gibt es unzählige/unterschiedliche Anwendungen und viele Firmen, die sich auf Soft-/Hardware mit verschiedensten Zusatzfunktionen spezialisiert haben. Freie Messenger sind, wie alle Freie Software, aufgrund des für alle verfügbaren Programmcodes besonders für solche Spezialentwicklungen geeignet.

  2. Angst vor einer unberechtigten Weitergabe von Nutzerdaten an andere Systeme, die man selbst bewußt nicht nutzen möchte.
    Muß man z.B. um Nachrichten von außerhalb an WhatsApp zu senden Facebook per API seine Telefonnummer mitteilen? Das wäre fatal.
    Durch das Verwenden von internationalen Protokollen wird der Datenschutz und die Privatsphäre weder beschnitten oder eingeschränkt. Ein wichtiger Punkt dabei ist auch die Datenhoheit: Um anbieterübergreifend kommunizieren zu wollen, müssen keine Datenbestände von Anbieter A nach Anbieter B übertragen oder abgeglichen werden.
    Durch das Verhindern von zentralen Strukturen kann zudem jeder selbst oder auch beispielsweise der Arbeitgeber für sich entscheiden, wo die eigenen Daten (eigene Chatkonten, Kontakte, Gesprächsverläufe, …) liegen sollen und welche Datenspuren man wo hinterlassen möchte.

  3. Befürchtung von unbemerkter Ausspähung über angenommene Einfallstore bei „sicheren“ Messengern.
    Interoperablität bedeutet nicht, daß Systeme aufgebrochen werden. Es werden lediglich die Wege beschrieben, die für eine Kommunikation möglich sind und wie die Regeln dazu aussehen, diese Wege zu benutzen. Standardisierung bedeutet „Regelvereinbarung“ und nicht die Installation von unbekannten oder suspekten Zusatzmodulen. Eine Kommunikation ist möglich, ohne Chatkonten bei anderen Systemen haben zu müssen.
    Durch die Verwendung von mehreren voneinander getrennten Chatkonten (auch bei unterschiedlichen Anbietern) kann man kann sich sogar besser vor unbemerkter Ausspähung schützen!

  4. Angst vor Müllnachrichten (Spam)
    Auch Befürchtungen zum Problem von Müllnachrichten (Spam) werden immer wieder genannt. Wenn Serverbetreiber untereinander internationale Standards nutzen, bedeutet das jedoch nicht automatisch, in der Folge mehr Müllnachrichten zu bekommen. So ist eine ggfs. nach außen hin anonymisierte Chatadresse von Nutzerkonten denkbar - am Besten mit einer durch die Nutzer selbst wählbaren Aliasadresse. So kann man eigenverantwortlich wählen, ob und wie man erreichbar ist. Müllnachrichten sind in der Regel nur ein Problem, wenn Kontaktdaten öffentlich gemacht werden - so wie das bei allen anderen Kommunikationsformen auch der Fall ist. Darüber hinaus hilft die Einstellung “Nachrichten von Unbekannten annehmen/ablehnen” hier ebenfalls.


Schaubild

Benötigt man für tatsächliche Interoperabilität eine öffentliche Föderation oder einfach nur Schnittstellen, um internationale Standards einhalten zu können? Dazu eine schematische Darstellung des Prinzips, wie das beispielhaft aussehen und ohne Interoperabilitätsverpflichtung erreicht werden kann. Für alle, die sich mit der systemischen/technischen Realisierung von Interoperabilität zwischen den Serverbetreibern beschäftigen oder dafür interessieren soll dies eine Diskussionsgrundlage darstellen - für normale Nutzer ist die Betrachtung der diesbezüglichen Hintergründe (und somit auch das Schaubild) nicht wichtig:

Schaubild zur Interoperabilität und Föderation

Das Schaubild kann auch als Druckdatei heruntergeladen werden: Interoperabilität.PDF (ca. 0,6 MB)

Es soll ein Hilfsmittel und Diskussionsgrundlage sein, um bei Gesprächen eine gemeinsame Sprache zu finden, die dann ja auch anders aussehen kann, als hier dargestellt - aber man vermeidet Mißverständnisse!

Nachfolgend der Versuch einer Definition der beiden Begriffe …

Föderation

Unter Föderation versteht man die Zusammenarbeit verschiedener Diensteanbieter (Serverbetreiber) des selben Systems. Jedoch kann es Einschränkungen geben: Im Gegensatz zu einer öffentlichen Föderation gibt es oft nur eine interne Föderation, bei der organisationsintern mehrere Server zwar verbunden sind, aber die Nutzer nicht nach außen kommunizieren können (s.o., z.B. manche Matrix-Instanzen).

Bei Föderation ist also immer wichtig zu hinterfragen, was gemeint und was möglich ist! Denn immer wieder wird auf Föderation (welche genau?) hingewiesen wird und dadurch angebliche Interoperabilität versprochen und fleißig damit geworben.

Aber Föderation ist nicht mit Interoperabilität gleichzusetzen und Föderation alleine bringt keine in der Politik geforderte Interoperabilität von Messengersystemen bzw. hilft auch nicht beim Erreichen dieses Ziels.

Interoperabilität

Im Gegensatz zur Föderation ist Interoperabilität die Fähigkeit, sich über standardisierte Schnittstellen und Protokolle (und unabhängig von Anbietern) austauschen zu können. Egal ob ein Dienst föderiert oder nicht, es müssen also standardisierte Schnittstellen/Protokolle festgelegt und genutzt werden, um interoperabel zu sein. Praxisbeispiele die man kennt sind E-Mail, Bluetooth, Telefonie, WWW, Papierformate, USB, HDMI, verschiedene DIN usw.

Auch das Bundeskartellamt (s.u.) versteht unter Interoperabilität im Zusammenhang mit Chat „die Fähigkeit unabhängiger, heterogener Messaging-Systeme oder Messenger-Clients, in verschieden hohem Maße zusammenarbeiten zu können.“

Gerade im Messengermarkt ist und wird Interoperabilität (die Zusammenarbeit unterschiedlicher Anbieter) immer wichtiger. Was man von anderen Kommunikationsformen wie Telefon und E-Mail dank öffentlicher Föderation auf der Basis von internationalen Standards kennt und als selbstverständlich voraussetzt, gibt es für „Chat“ noch nicht. Viele haben sich an unterschiedliche und untereinander inkompatible Chatsysteme/Messenger gewöhnt.

Idealerweise hat ein Kommunikationssystem jedoch (egal ob Telefon, E-Mail oder Chat) öffentliche Schnittstellen und nutzt hierfür Standards, so daß Bürger, Kunden, Lieferanten, Mitarbeiter usw. anbieterunabhängig miteinander kommunizieren können.

Internationaler Standard?

Für die Standardisierung im Internet ist die IETF (extern; Internet Engineering Task Force) zuständig und international anerkannt. Hier werden viele Standardprotokolle wie beispielsweise SMTP für E-Mail erarbeitet und durch Fortentwicklungen auf dem aktuellen Stand gehalten.

Standardprotokolle sind quasi die öffentlich vereinbarten und anerkannten Regeln zur Kommunikation.

So gibt es auch für Chat einen Standard (XMPP), der flexibel erweitert werden kann. Auf diesem aufbauend können sogar Spezialanforderungen für einzelne Bereiche (Sicherheitsstufen, Spezialverschlüsselung, abgeschottete Bereiche, Sonderfunktionen) bedarfsgerecht implementiert werden, ohne daß die grundsätzliche, föderale Funktion und der freie Informationsfluß dadurch gestört wird.

Genauso … (ja Wiederholung) … wie das auch bei anderen Kommunikationsformen (Post, Telefon, E-Mail, oder Mobilfunk) ist.

Zukunftssicherheit durch Standards

Ein Negativbeispiel dafür, wie Standards mißbraucht werden können, ist WhatsApp, das das Protokoll für eigene Zwecke verwendet, für sich abgeändert und sich abgeschottet hat. Das hat in diesem Fall zu enormen Abhängigkeiten geführt statt Zukunftssicherheit zu haben. Kleine Hintergrundinformation dazu:

In einem Posting (extern) von einem der beiden WhatsApp-Gründer wurde beispielsweise gefragt, wie man die Serversoftware „ejabberd“ für WhatsApp ‘hinbiegen’ kann. Das zeigt natürlich nicht, inwiefern WhatsApp noch heute darauf (bzw. dem ursprünglichen Servercode) basiert, aber interessant ist dieses Hintergrundwissen trotzdem. Darüber hinaus sind zumindest auch der Facebook Messenger, Google Talk und der KIK-Messenger auf Basis des Standards XMPP entstanden.

Aber nur durch die Nutzung öffentlicher, internationaler Standards lassen sich auch bei „Chat“ Mehrfachinvestitionen von Steuergeldern in unterschiedliche Systeme vermeiden und wie in allen Bereichen (Baubranche, Entwicklung, Verwaltung, Finanzwesen, …) gilt:

Anerkannte Standards sind der Garant für Innovation und Zukunftssicherheit!

Jeder investierte Euro in Lösungen, die Standards unterstützen und einhalten, kommt quasi der Öffentlichkeit zu Gute, denn genauso, wie E-Mail oder Telefon keiner einzelnen Firma gehören, ist das auch bei „Chat“ - es ist (standardisiertes) Allgemeingut. Es ist erprobt und erfolgreich im Einsatz. Oft auch im Hintergrund wie kleine Beispiele aus dem Bildungsbereich zeigen:

Bei der Lernplattform „Moodle“ (extern) ist es möglich, auch per standardisierter Chat-Schnittstelle System-Mitteilungen (extern) an die Nutzer zu versenden. Sehr lobenswert. Auch die E-Mail-Konten für 22.000 Lehrkräfte in Thüringen sind nicht nur reine E-Mail-Adressen, sondern gleichzeitig auch Chatadressen (nur weiß das kaum eine Lehrkraft).

Eine öffentliche Interoperabilität durch das Einhalten von Standards ist gerade für die Frage des Einsatzes von Chatsystemen bei öffentlichen Einrichtungen und in der Bürgerkommunikation jedoch ein wesentlicher Punkt. Schließlich geht es nicht nur um Unabhängigkeit, sondern schlicht auch um die sinnvolle Verwendung von Steuergeldern.

XMPP bei bestehenden Diensten

Bei einer Interoperabilitätsverpflichtung auf der Basis von XMPP hätte es ironischerweise gerade Meta/Facebook am einfachsten, denn WhatsApp wurde auf der Grundlage von XMPP erstellt. Die Zurverfügungstellung einer Schnittstelle wäre also technisch relativ einfach und schnell möglich. Messenger/Videokonferenzsysteme, die XMPP beinhalten oder sich in der Vergangenheit schon damit beschäftigt haben:

  • WhatsApp: Basiert auf XMPP; die (aktuell nicht sichtbare aber verwendete) Chatadresse ist: ‘+Telefonnummer@whatsapp.com’ Querverweis
  • Wire: Hat sich schon 2019 gedanklich damit befasst Quelle (extern)
  • Jitsi Meet: Auch hier wird XMPP für die Chatfunktion verwendet Quelle (extern)
  • Zoom: „Zoom communications chat is based on the XMPP standard“ Quelle (extern) Die (aktuell nicht sichtbare aber verwendete) Chatadresse ist: ‘username@xmpp.zoom.us’

Brücken

Beim Einsatz von Brücken zu standardisiertem Chat ist es möglich, mit anderen Systemen zu kommunizieren. Aber das geht in diesem Fall nur bedingt, denn Brücken sind quasi nur eingeschränkte Schnittstellen, die ein Protokoll nur teilweise abdecken bzw. durch Schattennutzer („Puppen“) realisieren. Eine solche Brücke kann schon bei kleinen Änderungen am anderen System Fehler zur Folge haben oder komplett versagen. Brücken gibt es von und für verschiedene Systeme.

Grundlegende Funktionen wie zum Beispiel der ganz normale Nachrichtenversand funktionieren in der Regel einigermaßen gut. Für tiefergehende Funktionen wie beispielsweise die zuverlässige Zurverfügungstellung des Onlinestatus’ müssten jedoch mehr Details des Standards integriert werden.

Kompliziert und fast schon visionär wird es dann, wenn ganze Chatgruppen oder öffentliche Chaträume über verschiedene proprietäre und nicht standardkonforme Systeme hinweg und dann ggfs. auch noch verschlüsselt funktionieren sollen.

Deshalb sind manche Brücken eher Krücken.

Brücken zu WhatsApp

Bei „Brücken zu WhatsApp“ (oder anderen geschlossenen Systemen) sollte hinterfragt werden, ob diese …

  • illegal sind,
  • von Meta/Facebook inoffiziell geduldet,
  • offiziell genehmigt oder
  • ob eventuell sogar eine gegenseitige Vereinbarung getroffen wurde (gibt es das?).

Denn lt. deren Nutzungsbedingungen (extern; „terms of Service = „TOS“) ist folgendes eindeutig nicht erlaubt:

“Zulässige Nutzung unserer Dienste
Du darfst weder direkt oder indirekt noch durch automatisierte oder sonstige Methoden unsere Dienste auf unzulässige oder unberechtigte Arten die uns, unsere Dienste, Systeme, Benutzer oder andere belasten oder beeinträchtigen bzw. ihnen schaden, nutzen oder diese kopieren, anpassen, ändern, verbreiten, lizenzieren, unterlizenzierer, übertragen, anzeigen, vorfüren oder anderweitig ausnutzen bzw. auf sie zugreifen …”

Da WhatsApp jedoch auch per Web-Client im Browser nutzbar ist, gibt es eine „Web-Schnittstelle“, die für (illegale?) Brücken ausgenutzt werden kann. Schön wenn man die Verantwortung dann mal wieder auf die Nutzer schieben kann … Ganz abgesehen davon ist man nicht von WhatsApp unabhängig, denn man benötigt bei WhatsApp weiterhin/trotzdem eine Telefonnummer zum Registrieren und hat dort ein Konto, um den darauf aufbauenden Web-Dienst zu nutzen.

Hinweise von Anbietern wie …

„Die Brücke zu nutzen hat im Regelfall keine Sperre durch den Anbieter zur Folge.“

… sind nicht ohne Grund so formuliert. Ohne den originalen Client gelegentlich mal zu öffnen kann es sein, daß das WhatsApp-Konto und somit auch die Brücke vielleicht doch irgendwann nicht mehr geht.

Werbeversprechen

Ein Beispiel für gewagte und fast schon unlautere Werbeversprechen zur „Interoperabilität“ ist das Marketing des TI-Messengers vom deutschen Gesundheitswesen Gematik (extern):

“TI-Messenger - Der neue Standard für sicheres, interoperables Instant Messaging im deutschen Gesundheitswesen“
“… Interoperabilität - und somit den sektoren- und anbieterübergreifenden Austausch …“

Super - Interoperabilität! Aber was versteht die Firma tatsächlich darunter? Das steht weit hinten in deren Konzeptpapier (PDF) (extern):

“6.3 TI-Messenger-Föderation
Die TI-Messenger-Anwendung unterstützt die Föderationsmechanismen des Matrix-Protokolls um Homeserver und Domains verschiedener TI-Messenger Anbieter nutzen zu können. Die Föderation ist jedoch auf Homeserver der TI-Messenger Anbieter beschränkt. Homeserver anderer Matrix Messenger Anbieter sind ausgeschlossen.“

“Homeserver anderer Matrix Messenger Anbieter sind ausgeschlossen.“ bedeutet: Keine öffentliche Föderation und keine offene Interoperabilität in der Praxis. Also etwas ganz anderes als das, was auf der Startseite mehrfach angepriesen und von unbedarften Lesern so verstanden wird.

Interoperabilität ist so nicht möglich und wird dadurch auch nicht verbessert. Vorsicht also, wenn Interoperabilität versprochen wird!

Oft sind große Installationen von Messengerlösungen für eine rein interne Kommunikation gedacht und so konfiguriert, daß keine öffentliche Föderation erlaubt ist. Ganz zu schweigen von einer echten Interoperabilität, denn theoretisch mögliche Schnittstellen zum Standardprotokoll werden in der Praxis oft nicht aktiviert.

Sektoruntersuchung des Bundeskartellamts

Interoperabilität bei Messengern betrifft jeden und wird auch auf Bundesebene Thema. 2021 hat das Bundeskartellamt eine Sektoruntersuchung hierzu durchgeführt. Der Fragebogen (extern) ist öffentlich einsehbar und manche Fragen des Bundeskartellamts sind insbesondere in Bezug auf Standards sehr interessant.

Im November wurde der Zwischenbericht (extern) zur Erhebung veröffentlicht und die Ergebnisse/Empfehlungen werden mit Spannung erwartet.

Jedoch sind Befürchtungen oder gar Ängste, Interoperabilität auf der Basis von Standards würde den Datenschutz oder die Privatsphäre gefährden/aushöhlen, unbegründet!

Denn die Verwendung von gemeinsamen Regeln für die Kommunikation (=Interoperabilität) bedeutet nicht, daß die Daten auch allen zugänglich sind. Kein Anbieter hat Zugriff auf den Datenbestand und den Nachrichtenverlauf von anderen Anbietern. Solche Gerüchte sind das Ergebnis von Halbwahrheiten oder Falschmeldungen und können nur durch sachliche Informationen aufgeklärt werden.

Zusammenfassung/Fazit

Interoperabilität ist die Fähigkeit, sich unabhängig von Anbietern über standardisierte Schnittstellen austauschen zu können.

Interoperabilität ist dann vorhanden, wenn z.B. bei Kontaktdaten auf Internetseiten oder auf Visitenkarten neben der Postadresse, der Telefonnummer und E-Mail-Adresse auch noch die Chatadresse steht.

Die einfachste, schnellste und kostengünstigste Art, am Markt eine Interoperabilität bei Messengern zu erreichen ist es , selbst Produkte einzusetzen, die internationale Standards einhalten und z.B. bei Ausschreibungen das ebenfalls zu berücksichtigen und zu fordern.

Man sollte sich bewußt sein:

  • „Föderation“ bedeutet nicht automatisch „öffentliche Föderation!“
  • Föderation ist NICHT mit Interoperabilität gleichzusetzen!
  • Wenn „Interoperabilität“ versprochen wird, muß hinterfragt werden, was darunter verstanden wird!
  • Interoperabilität muß öffentlich sein!
Anerkannte Standards sind der Garant für Innovation und Zukunftssicherheit und nur durch das Einhalten von internationalen Standards wird tatsächliche Interoperabilität ermöglicht.

Die Politik/Verwaltung muß ihrer öffentlichen Vorbildfunktion gerecht werden. Noch wird bei Messengern zu viel auf Lobbyisten und vermeintliche Spezialisten der Softwarehersteller gehört - digitale Souveränität, Nachhaltigkeit und Freiheit sollten jedoch auch beim Chatten Einzug halten.

Künftig sollte es nicht mehr heißen „Ich schicke dir das per WhatsApp/Threema/Signal/…“ sondern wie bei E-Mail ganz normal „Ich schicke dir das per Chat“.


Ergänzende Informationen:

Datum: 22.04.2022
Rechte: CC BY-SA
Autoren: Diverse (Initiative Freie Messenger)


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