Kindermessenger

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Vorwort

WhatsApp ist für Kinder nicht zu empfehlen - das ist nichts Neues und allgemein bekannt. Die App selbst enthält zwar keine ungeeigneten Inhalte - allerdings macht es WhatsApp seinen Nutzern einfach, gewaltverherrlichende, politische oder pornographische Inhalte zu teilen und (ungewollt) zu erhalten. Das liegt unter anderem daran, dass man von jeder Person kontaktiert werden kann, die die Telefonnummer kennt oder aus Listen versucht zu erraten. Werden solche Nummern im Adressbuch des Täters eingespeichert, synchronisiert WhatsApp automatisch die vorhandenen Kontakte und fügt diese dem WhatsApp-Telefonbuch hinzu. Deshalb gibt es den Bedarf nach Familien-/Kindermessengern.

Bedarf und Bedürfnis

Auch bei Messengern sollte man den Unterschied von Bedarf und Bedürfnis kennen und gelegt werden.

Der tatsächliche Bedarf, etwas tatsächlich zu benötigen ist nicht unbedingt das selbe wie das von Dritten geweckte Bedürfnis etwas (ein bestimmtes Produkt) haben zu wollen.

Im Marketing und den Produkteigenschaften von ausschließlich für Kinder entwickelten “Kindermessengern” wird das deutlich: Es wird viel versprochen um den Bedarf von Eltern an Sicherheit für Ihre Schützlinge zu decken und dabei verantwortungsvolle Erziehung und begleitete Vorbereitung auf das digitale Leben durch das Bedürfnis nach totalitärer Kontrolle ersetzt.

Das geweckte aber in der Regel nicht erforderliche Bedürfnis einer allumfassenden Kontrolle und einseitigen Macht für die Eltern bedeutet noch mehr Bindung an / Abhängigkeit von zentralen Diensten und bringt vor allem eins: Geld für die Firmen, die Insellösungen verkaufen.

Messengerkompetenz

Auf der einen Seite wollen Erziehungsberechtigte ihre Kinder nicht ungeschützt Gefahren aussetzen - auf der anderen Seite wollen Kinder unabhängig und selbstbestimmt agieren. Hier gilt es ein gesundes Gleichgewicht herzustellen. Damit diese Gratwanderung gelingt, muss auf eine überzogene Kontrolle verzichtet werden.

Der Weg zur digitalen Selbstverantwortung sollte deshalb idealerweise also gemeinsam beschritten werden und Kindern eine gute Einführung, Begleitung und letztendlich dann einen (gestärkten) Start die digitale und unabhängige Messengerkommunikation ermöglichen.

Auch wenn es Eltern schwerfällt, so müssen Kinder und Jugendliche ihre Freiheiten entdecken dürfen - dazu gehört auch das Lernen und die Erfahrung, dass mit jedem Recht auch eine Pflicht verbunden ist. Letztendlich geht es um die Vermittlung / den Erwerb von Messengerkompetenz als Teil von Medienkompetenz.

Anforderungen

“Sicherheit” wird bei vielen Messengervergleichen oft auf die rein technische Ebene oder gar nur das Vorhandensein einer Ende-zu-Ende-Verschlüsselung reduziert. Im Zusammenhang mit für Familien und Kinder geeigneten Messengern ist “Sicherheit” jedoch aus einem ganz anderen Blickwinkel zu sehen. Anforderungen an spezielle Kindermessenger können beispielsweise sein:

  • Beschränkung auf bekannte Kontakte
  • kein Datensammeln für Werbezwecke
  • Verhinderung von Mobbing und Unterbinden von Kettenbriefen
  • Schutz vor unsittlichen oder gefährlichen Inhalten unbekannter Kontakte
  • Schutz vor illegalen Aktivitäten, rechtskonforme Nutzung
  • altersgerechte Apps (Einhalten des Mindestalters)
  • räumliche Überwachung per Standortübermittlung
  • das Reduzieren von Bildschirmzeiten

Ob die beiden letztgenannten Anforderungen per Messenger sinnvoll sind und tatsächlich dem Kindeswohl dienen, ist zu hinterfragen. Zudem ist eine vollständige und dauerhafte Kontrolle wie Freigabe und Verwaltung sämtlicher Kontakten durch Erziehungsberechtigte oder gar deren Erfordernis zur Freigabe oder Löschung von versendeten und empfangenen Nachrichten für das gegenseitige Vertrauensverhältnis nicht unbedingt förderlich. Spezielle Kindermessenger bieten oft solche Funktionen.

Hier sollte jedoch nicht unterschätzt werden, daß Wege zum Umgehen von Beschränkungen schneller gefunden werden, als man denkt. Gerade Kinder/Jugendliche sind extrem schnell in der Auffassung und Problemlösung. Von speziell abgeschotteten Kindermessenger-Lösungen ist deshalb erfahrungsgemäß abzuraten.

Trotzdem möchte man Kinder und Jugendliche sowohl vor äußeren Gefahren (ungewollte Kontakte und negative Nachrichten) schützen als auch verhindern, daß mit den Daten der Schutzbefohlenen kein Schindluder getrieben wird!

Lösung Chatstandard

Viele der genannten Anforderungen können mit “normalem” (anbieterunabhängigem) Messaging praxisnah, simpel und ohne Zusatzkosten umgesetzt werden. Auch wenn die Nutzerzahlen im eigenen Umfeld vielleicht (noch) nicht so hoch sind, so liegen diese in der Summe deutlich über denen von z.B. Threema.

Das bedeutet auch, dass spezielle Insellösungen gar nicht erforderlich sind, denn der Chatstandard auf der Basis des internationalen Protkolls “XMPP” ist eine für Familien und Kinder optimale und vor allem flexible Lösung.

Warum?

  • Genauso wie man es von E-Mail kennt, können hier Konten (Chatkonten) genutzt werden, die unabhängig von Telefonnummern sind.
  • Keine Verknüpfung mit Mobilfunknummern oder persönlichen Daten
  • Sowohl bei der Anmeldung als auch für die Nutzung ist keine Mobilnummer (keine SIM) erforderlich
  • Chatadressen müssen aktiv mitgeteilt werden, damit eine Kontaktaufnahme möglich wird.
  • Es gibt keine zentrale Stelle, an der alle Informationen zusammenlaufen und von der man abhängig ist.
  • Statt dessen ist das System standardisiert und anbieteroffen.
  • Es gibt eine tolle Auswahl an quelloffenen und vertrauenswürdigen Apps/Programmen.
  • Kein Hochladen aller Nummern des Adressbuchs an einen zentralen Anbieter, so wie das bei WhatsApp der Fall ist.

Bewusste Kontakte, ungefährliche Inhalte, Datenschutz und das Verhindern von Repressionen bei Kindern sind sehr wichtig. Wie aber lässt man aus Sicht der Eltern Schritt für Schritt los? Die Antwort lautet “Kontrollreduzierung”.

Kontrollreduzierung

Genauso, wie man Schulkinder nicht bis in die Abschlußklasse mit dem Auto in die Schule bringt, muß auch bei den Möglichkeiten der Messengerkommunikation die Freiheiten Stück für Stück gegeben und entdeckt werden dürfen.

Die praktische Umsetzung kann grundsätzlich in drei Phasen unterteilt werden, die zeitlich stark variieren:

1. Erklärung und Einführung (volle Kontrolle; kurze Zeit)

Hier bietet es sich an, zunächst nur sich selbst gegenseitig als Kontakt hinzuzufügen. Sobald die Grundfunktionen gezeigt wurden, können die engsten Familienmitglieder entsprechend hinzugefügt werden.

Eine private “Familiengruppe” ist dazu ein idealer Start. Hier kann gelernt werden, Nachrichten zielgerichtet zu versenden, denn nicht alles ist für alle wichtig.

Auch die Abgrenzung und Vor-/Nachteile gegenüber anderen Kommunikationsformen wie Telefon können vermittelt werden, denn oft führt ein tatsächlich “online” geführtes persönliches Gespräch per Telefon schneller zum Ziel als zeitlich versetztes Messaging.

2. Kontrollierte Nutzung (Teilkontrolle; überschaubarer Zeitraum)

Nachdem anbieterunabhängiges Messaging im engsten Kreis funktioniert, können erste Freunde mit ins Boot geholt und eingeladen werden. Hier kann das Chatkonto des Kindes begleitend auf einem weiteren (Eltern-)Gerät hinterlegt werden, um so die ein-/ausgehenden Nachrichten immer wieder mal zu kontrollieren. Das darf jedoch nicht im Verborgenen geschehen, sondern muß vorab offen besprochen werden! Auch muss dies den Kontakten (z.B. Großeltern, Paten, Onkel/Tanten, Geschwisterkinder) ehrlich kommuniziert werden.

Da das Ziel eine eigenverantwortliche Kommunikation des Kindes ist, sollte diese kontrollierte Nutzung nur über einen bestimmten Zeitraum erfolgen und baldmöglichst in die nächste Stufe gehen.

3. Begleitete und eigenverantwortliche Nutzung

Hier gibt es dann keine aktive Kontrolle mehr und auf dem Elterngerät ist das Chatkonto des Kindes zu löschen!

Es sollten trotzdem regelmäßige Gespräche (z.B. anfangs wöchentlich) miteinander stattfinden um eventuell aufkommende Fragen oder generell mögliches Mobbing (anderer Kinder oder des eigenen) rechtzeitig zu erkennen und gegensteuern zu können. Das Ziel ist eine unbefristete, eigenverantwortliche Nutzung ohne Begleitung. Dann ist eine entsprechende Medienkompetenz in Bezug auf Messenger erreicht.

Generell gilt: Jede Phase sollte aktiv und im Dialog miteinander gestaltet werden. Es ist für beide Seiten hilfreich, sich regelmäßig über den aktuellen Stand auszutauschen.

Besonderheiten

Bei der Nutzung des Chatstandards ist die Unabhängigkeit von zentralen Anbietern hervorzuheben und vor allem: Es können Freiheiten entdeckt werden!

Dazu gehören beispielsweise die freie Auswahl zwischen kompatiblen Apps, freie Anbieterwahl oder eine freie Chatkontobezeichnung unabhängig von Mobilfunknummern. Sogar die Nutzung ohne SIM-Karte ist möglich und es können auch mehrere Geräte (PC, Laptop, Tablet, Smartphone) parallel genutzt werden. Genauso kann zwischen verschiedenen Verschlüsselungen gewählt werden, wenn jemandem das wichtig ist.

Auch in Bezug auf die Datenhoheit kann gepunktet werden, denn man selbst entscheidet, bei welchem Anbieter ein Chatkonto genutzt wird. Es gibt genügend frei zugängliche Chatserver von Vereinen, Privatleuten oder Gewerbetreibenden, die ein schnelles Anlegen von Chatkonten ermöglichen (Spenden sind in diesem Fall natürlich gern gesehen, wenn das finanziell möglich ist). Technisch Interessierte können sogar einen eigenen Server für Familie & Co. auf einfacher heimischer Hardware betreiben und trotzdem ist eine Kommunikation mit Kontakten bei anderen Servern möglich.

“Benutzerfreundlich und sicher” sind z.B. verschiedene aber untereinander kompatible Messenger-Apps für Android und iOS. Es gibt aber auch PC-Programme, die hierfür genutzt werden können.

Auch daß die viele Apps frei und quelloffen (open source) sind, ist hervorzuheben. So ist für Android-Nutzer der sehr zu empfehlende App-Store F-Droid (extern) verfügbar und Apps können von dort kostenlos installiert werden.

Fazit

Spezielle “Kindermessenger” sind eigentlich nicht erforderlich oder übertrieben. Das gemeinsame Besprechen von möglichen Vorsichtsmaßnahmen in Verbindung mit regelmäßiger Kontrolle des Nutzungsverhaltens ist dagegen sehr wichtig.

Man darf seine Schutzbefohlenen nicht vor dem Leben schützen, sondern muss diese auf das Leben vorbereiten.

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